Ernst

Europa, du redest zu viel und unternimmst zu wenig.

Das was du nun tust ist meistens verkehrt oder kommt viel zu spät, denn während du verhandelt und geredet hast, wurden 45 Waffenstillstände gebrochen, das Leid von mehreren  hunderttausend Menschen unnötig verlängert und viele noch in den Tod getrieben.

Manchmal schäme ich mich Europäer zu sein. Warum mussten es wieder die Amerikaner sein? Sind wir Europäer unfähig, doppelzüngig, bequem und feige?

Warum gab es keine Demonstrationen gegen unsere Politiker und deren Inkompetenz und Unfähigkeit diese Probleme zu lösen?

Der Preis der Freiheit ist immer sehr hoch, er besteht nicht nur darin Friedensappelle zu formulieren, zu warnen, Gräueltaten zu verurteilen, Regenbogenfähnchen zu schwingen, oder Friedenstauben fliegen zu lassen, während andere die Menschen vergewaltigen, ausplündern, vertreiben und ermorden. Damit hält man keinen Verbrecher von seinen Taten ab, es ist eher bequem, dumm, feige und leider sehr europäisch. Pfui !

anti personnel mines and action in mined a aera

(siehe auch Darfur / Sudan)

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Sarajevo / Visoko / Zvornik / Lipovac  

(hier klicken für mehr Bildmaterial zu Zvornik)

Erlebnisbericht

unterwegs als Supervisor in Bosnien / Herzegovina  

und als Wahlbeobachter in Kroatien

Bosna i Herzegovina war früher eine Republik Jugoslawiens. Heute ist es ein eigenständiges und unabhängiges Land. Dieses Land ist in 3 ethnische Regionen  aufgeteilt, es gibt Serben, Moslems und Kroaten. Die Serben bilden innerhalb von Bosnien die Republika Srbska und die Moslems zusammen mit den Kroaten die Föderation von Bosnien. Diese ethnischen Gruppen haben  sich früher bekämpft und sich gegenseitig vertrieben, ein neues  Zusammenleben ist nur schwer zu verwirklichen. Die Wunden des Krieges mit allen nur erdenklichen Verbrechen  gegen die Menschlichkeit sind sehr tief. Der Dayton-Vertrag regelt das neue friedliche Zusammenleben der Bosniaken, das ist im Moment nur dank starker ausländischer Militärpräsenz genannt SFOR möglich. Die IPTF, eine unbewaffnete internationale Polizeitruppe hilft den örtlichen Polizeiorganisationen. Die OSZE, (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) überwacht u.a. die Demokratisierungsprozesse. 

Abgesehen von unzähligen privaten Reisen vor dem Krieg hatte ich viermal die Gelegenheit für die OSZE vorort zu sein. Das war in BanjaLuka und Zvornik (Republika Srbska), Visoko (Föderation), und in Vukovar (Kroatien - Ost-Slavonien).  Viele Eindrücke stimmten mich nachdenklich, andere hoffnungsvoll.

Hier soll keine politische Auseinandersetzung geführt werden, es ist der Versuch einer Mitteilung an meine Mitmenschen. Doch nun zum Bericht.

Das Zimmer im Hotel Drina, welches ich mit einem Kollegen teilte war eiskalt, an den Wänden hatte sich die Feuchtigkeit der Nacht in Eiskristalle verwandelt. Es war Mitte November 7 Uhr morgens, aus dem Fenster sah ich in die Klassenräume der gegenüberliegenden Schule. Wie üblich füllten sich die Schulräume langsam mit Leben. In ärmlicher Kleidung verpackt kamen die Schüler in die ungeheizten Räume um das 1x1 zu lernen. Ein Fenster war mit Pappe notdürftig repariert. Ich dachte unwillkürlich an die Kälte in diesen Räumen.

Für heute war vorgesehen das Wahllokal, etwa 15 km nördlich von Zvornik, samt einheimischer Mannschaft kennen zu lernen. Pünktlich um 8 Uhr waren Fahrer und Übersetzerin am Hoteleingang, die Reise konnte beginnen. Außerhalb der Stadt ging es bergauf, das Dorf lag verträumt zwischen den Bergen. Es hatte geschneit und es war bitterkalt, das Thermometer war auf -12°C gefallen. Das Wahllokal entpuppte sich als Schulgebäude oder das was davon übrig geblieben war. Ursprünglich bestand das Gebäude aus 4 Klassenräumen und einer Lehrerwohnung. Ein Klassenraum und die Lehrerwohnung waren ausgebombt, der Rest war in einem tristen Zustand. Früher mag dieses Gebäude schmuck und freundlich ausgesehen haben, doch so wie diese Schule nun aussieht spiegelt sie das ganze Land wieder. Die Mannschaft des Wahllokals war ein weiteres Spiegelbild. Ein Teil der Menschen war freundlich und zuvorkommend, ein anderer Teil war sehr misstrauisch und abweisend gegenüber jeder Einmischung in innere Angelegenheiten. Die Kinder des Ortes hatten schulfrei, sie kamen aus Neugier die allen Kindern dieser Welt angeboren ist und beobachteten das ungewöhnliche Treiben in ihrer Schule. Einige dieser kleinen Dorfbewohner versuchten ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken indem sie mich ansprachen oder auf irgend eine andere Weise auffallen wollten. Hätte ich nur diese Kinder gesehen, so wäre ich sehr glücklich gewesen, sie sind nämlich nicht anders als bei uns. Doch da waren diese « Hardliner »,  ich hatte nicht vergessen wo ich war. 

An den Wahltagen verlief alles ruhig und nach Plan. Die Menschen waren, von einigen Ausnahmen abgesehen, alle freundlich. Zum Schutz der Menschen  hatte die einheimische Polizei Position im gegenüberliegenden Haus bezogen, vorbeiziehende  und grüßende amerikanische SFOR-Einheiten zeigten mit Panzer und gefüllten Mannschaftswagen Einsatzbereitschaft, ein Hubschrauber kreiste sporadisch über der « Pollingstation » und reger Funkkontakt sollten mir ein Gefühl von Sicherheit geben.

Am späten Abend begann der Zählvorgang der Stimmzettel, ein großer Tisch sollte her. In dieser Schule gab es aber keine Schulbänke gleicher Höhe, ein Umstand der ein exaktes Auswerten der Stimmzettel erschwerte, nicht zu reden von der Schreibarbeit mit klammen Händen. Der Fußboden war uneben, die Löcher waren bis 10 cm tief, man sah darin den Mörtel und die Steine die sich gelöst hatten. Die Wandtafel war abgenutzt und reparaturbedürftig, man konnte deutlich das Holz unter der dünnen schwarzen Farbschicht erkennen.

Ich dachte, was ist das für eine unwirkliche Welt in der ich mich befinde? Diese Welt ist bequem in einigen Autostunden zu erreichen, sie befindet sich vor unserer Haustür und  sie ist so unwirklich. Nur in Sarajevo habe ich intakte Kirchen verschiedener Religionen gesehen, im übrigen Land sind die Gotteshäuser der Vertriebenen zerstört. 

Nach den Wahltagen kam das « Debriefing », nun hatte ich fast 2 Tage frei. Aus einem gemütlichen Teehaus heraus beobachtete ich das bunte Treiben vor einer Grundschule in Zvornik. Eltern holten ihre Kinder ab, wie bei uns. Nur, jetzt neue Schüler, die Nachmittagschicht trat an, es gibt hier zuwenig intakte Schulen.

Am kommendem Tag unternahm ich, unter ortskundiger Führung, eine ausgedehnte Wanderung. Der Fahrer weigerte sich formell diese Gegend  mit seinem Wagen zu befahren. Ich hingegen wollte die Umgebung der Stadt kennenlernen. Ich sah nur zerstörte Dörfer Hier wohnten früher die falschen Menschen sagte man mir. Nun sind alle weg, viele sind tot. Meine Übersetzerin, sie ist  Architekturstudentin, erklärte mir etwas beschämend: Hier haben nur Moslems gewohnt. Kein einziges Haus ist unbeschädigt, alle sind unbewohnbar, die gesamte Infrastruktur der Dörfer ist restlos zerstört. Kein streunendes Haustier lief umher, man hörte keinen fröhlichen Kinderlärm, da war kein Motorengeräusch, es war unheimlich totenstill, es waren Geisterdörfer. Wie Stempel im Asphalt sahen sich die Rillen der Panzerketten in den Straßen an, diese Panzer haben ganze Arbeit geleistet.

Ein Lichtblick für die Zukunft in diesem Land ist die Jugend. Wenn wir richtig helfen wollen dürfen wir nicht nur Straßen, Brücken, Krankenhäuser und Wasserleitungen mittels Spenden und Krediten bauen oder reparieren. Wir müssen mehr an die Erziehung der Landesbürger von morgen denken, denn nur davon hängt der Frieden von morgen ab. 

Auch in Zukunft werde ich sicher noch mehr als nur einen Beitrag hierzu leisten.

Marcel-Jean

(hier klicken für mehr Bildmaterial zu Zvornik)

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